BR 99.22 — der HSB-Standard-Schnitt im Mai 2026
Achsfolge 1'E1, 65 t Dienstgewicht, 14 bar Kesseldruck, 1.000 mm Treibrad-Durchmesser und 700 PS Leistung. Bestand im Mai 2026 bei 17 Maschinen — elf betriebsfähig, vier in Hauptuntersuchung, zwei als Reserve. Restaurierung 99 7222-5 im AW Meiningen läuft nach Plan.
Die Standard-Lok der Brockenrampe
Wer im aktuellen Mai 2026 die Brockenbahn fotografiert oder mit ihr fährt, sieht in 95 Prozent der Fälle eine Maschine der Baureihe 99.22 an der Spitze des Zuges. Die BR 99.22 ist seit den späten 1950er Jahren der Standard-Lokomotivtyp der Harzer Schmalspurbahnen und prägt das Bild der Brockenbahn so vollständig, dass selbst Eisenbahnlaien die markante Silhouette wiedererkennen. In Heft 11 widmen wir uns diesem Typ in technischer Tiefe — mit aktuellem Bestand, laufenden Hauptuntersuchungen und einem Werkstattbesuch im AW Meiningen.
Achsfolge und Auslegung
Die BR 99.22 trägt die Achsfolge 1’E1 nach Whyte-Notation: eine Vorlaufachse, fünf gekuppelte Treibachsen, eine Nachlaufachse. Diese Anordnung ist für 1.000-mm-Schmalspurlokomotiven außergewöhnlich groß — die meisten zeitgenössischen Konstruktionen kamen mit einer 1’D1- oder reinen E-Achsfolge aus. Der Grund liegt im Streckenprofil der Brockenbahn: Auf 60 ‰ Spitzensteigung müssen die Maschinen sowohl auf den Treibachsen eine maximale Reibungsmasse haben als auch in den engen Kehrkurven der Eckerlochrampe gute Bogenläufigkeit zeigen. Die Vor- und Nachlaufachsen entlasten zudem die Schienen auf den langen Talfahrten, bei denen Eigenbremswirkung und Reibungsverhalten kritisch sind.
Der Achsstand der Treibachsen beträgt 4.300 mm; die gesamte Lok inklusive Vor- und Nachlaufachse hat einen Achsstand von 7.700 mm. Der Treibrad-Durchmesser von 1.000 mm — auf den Millimeter gleich der Spurweite — ergibt bei einer Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h eine maximale Drehzahl von 265 U/min an den Treibachsen.
Bauzeit und Werkstättengeschichte
Die BR 99.22 wurde zwischen 1939 und 1956 in zwei Bau-Etappen gefertigt. Die ersten drei Maschinen (99 222, 99 223, 99 224 — nach altem Bezeichnungsschema) entstanden 1939 bei der Lokomotivfabrik Henschel in Kassel. Diese Vorkriegs-Lokomotiven gingen zunächst an die Nordhausen-Wernigerode-Eisenbahn-Gesellschaft. Nach Kriegsende und der Eingliederung der Harzer Schmalspurbahnen in die Deutsche Reichsbahn der DDR wurde der Typ ab 1954 als verbesserte Nachkriegsbauart neu aufgelegt: die Lokomotivfabrik LKM Babelsberg fertigte zwischen 1954 und 1956 zwölf weitere Maschinen.
Die Lokomotiven der LKM-Bauserie unterscheiden sich von den Henschel-Maschinen primär in Detailfragen: Schweißnähte statt Niete am Wasserkasten, modifizierte Aschkasten-Konstruktion, leicht veränderte Führerhausgeometrie. Technisch sind die Maschinen jedoch weitgehend identisch — ein Beweis dafür, wie konsequent die Vorkriegs-Konstruktion durchdacht war.
Technische Daten im Überblick
Das Dienstgewicht der BR 99.22 beträgt 65 t bei voll gefülltem Wasservorrat (4,2 m³) und vollem Kohlevorrat (3,8 t). Die Reibungsmasse — also die Masse auf den fünf gekuppelten Treibachsen — liegt bei 45 t, was bei 60 ‰ Steigung gerade noch ausreicht, um die nominalen Anhängelast-Werte zu erreichen.
Der Kessel arbeitet mit 14 bar Betriebsdruck und einem Dampfvolumen von 5,8 m³. Die Verdampfungsleistung beträgt 6,5 t/h bei Volllast, was einer Stundenleistung von 700 PS entspricht. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 50 km/h angegeben, wird im Regelbetrieb aber nur auf den Flachstrecken zwischen Wernigerode und Drei Annen Hohne erreicht. Auf der Brockenrampe selbst liegen die Bergfahrtgeschwindigkeiten zwischen 14 und 22 km/h.
Die beiden Zylinder haben einen Durchmesser von 550 mm bei einem Kolbenhub von 660 mm. Die Heißdampf-Maschine arbeitet mit einfacher Expansion und Schiebersteuerung der Bauart Heusinger. Der Tender ist nicht als separates Fahrzeug ausgeführt — die BR 99.22 ist eine Tenderlokomotive mit seitlichen Wasserkästen und einem Kohlenkasten hinter dem Führerhaus.
Bestand im Mai 2026
Im aktuellen Mai 2026 verfügt die HSB über 17 Lokomotiven mit BR-99.22-Bezeichnung. Die Verteilung sieht wie folgt aus:
Elf betriebsfähige Maschinen stehen aktuell im Plandienst: 99 7232-4, 99 7233-2, 99 7234-0, 99 7235-7, 99 7236-5, 99 7237-3, 99 7238-1, 99 7239-9, 99 7240-7, 99 7241-5 und 99 7245-6. Diese Maschinen rotieren im Wochenrhythmus zwischen Brockenbahn, Selketalbahn und Sonderfahrten.
Vier Maschinen befinden sich aktuell in Hauptuntersuchung: 99 7222-5 im AW Meiningen (siehe unten), 99 7231-6 im HSB-eigenen Werk Wernigerode-Westerntor, sowie 99 7243-1 und 99 7244-9 im Zwischenuntersuchungs-Stand. Die HSB rechnet damit, dass alle vier Maschinen bis spätestens August 2026 wieder im Dienst stehen.
Zwei Maschinen dienen als Reserve: 99 7242-3 und 99 7246-4 sind aktuell als kalte Reserve in Wernigerode hinterstellt. Sie können binnen 48 Stunden in Betrieb genommen werden, wenn es zu Ausfällen im Stammbestand kommt.
Die Restaurierung 99 7222-5 im AW Meiningen
Das aktuelle Heft 11 dokumentiert in einer Bildstrecke die laufende Restaurierung der Maschine 99 7222-5 im AW Meiningen. Die Lok war 2023 aus dem Dienst genommen worden, nachdem ein Schaden am Kessel-Stehbolzen-System festgestellt worden war. Im AW Meiningen läuft seit Sommer 2024 eine umfassende Hauptuntersuchung mit Kessel-Neufertigung der Feuerbüchse, Wechsel sämtlicher Rohre und Erneuerung der Steuerung.
Bei unserem Besuch Mitte April 2026 war die Lok bereits weitgehend wieder aufgebaut. Der neue Kessel — gefertigt nach der Original-Zeichnung mit drei mm dickeren Feuerbüchs-Wandungen — ist druckgeprüft und montiert. Im Mai laufen die Triebwerks-Einstellungen, im Juni soll die erste Heißprobe folgen. Die HSB rechnet mit einer Wiederinbetriebnahme im Sommer 2027 — wir werden den Verlauf in den kommenden Ausgaben weiter verfolgen.